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SCHNELLWEG - FÜR BERGSTEIGER

Ich hatte eine Pause eingelegt. Dadurch nun aber gemerkt wie müde ich war.

Sechs ausdruckslose Gesichter zählte ich bisher schon. Sie kamen mir entgegen, starrten mich an, musterten mich, gierten nach Aufmerksamkeit.

Der morgendliche Spaziergang manifestierte sich als alternatives Ritual zum täglichen Arbeitsweg. Raus, gehen, hin, zurück, Homeoffice. Hinsichtlich meiner Erwartungen an dieses neue eher vorübergehende Modell und aller Vorlieben in der Arbeitsweise genieße ich die Freiheit. Alles ist ganz wunderbar strukturiert, selbständig und ausgeglichen. Bis vor einer Woche. Plötzlich war Dienstag. Der Dienstag nach dem vorletzten den ich spontan mit Montag und Mittwoch, aufgrund anderer Umstände ganz kurz in der bayerischen Heimat verbracht habe. Zwei Tage Sonne einer verregnet. Ein Tag am See. Sonne satt, Perlen aus Seewasser die sich zu schönen Tropfen formten und langsam über das Schienbein an der Wade auf das feuchte Handtuch kullerten. Klebrige Finger von der manierenlos geschälten Orange. Eine Kleewiese die ich mir nur mit einem weit entfernten Rentnerpaar auf ihren Liegestühlen und ein paar Bienen teilte. Der zweite etwas wolkigere Tag verging mit einem frühen Spaziergang durch die Altstadt und in meinem alten Kinderzimmer um einfach ein wenig aus dem Fenster zu starren, zu lesen, rum zu liegen und nur aufzustehen um mir Essen aus dem Kühlschrank zu holen. Wie früher. Fast. Der dritte Tag im mitgebrachten Büro. Es fühlte sich nicht wie Urlaub an aber das Resonanzbestreben war auf eine andere Fährte gelegt. Der See war eine verfügbare Welt unweit vom Schreibtisch entfernt. Fünfzehn Minuten, höchstens zwanzig mit dem Auto. Ein Auto, das ich auch ohnehin nur hier für sinnvoll genutzt halte und auch habe obwohl die Strecken kürzer erscheinen. In Berlin ist Bus, Fahrrad, Bahn, Beine - alles effizienter. Effizienz. Das steht mir in dieser Stadt auf der Stirn geschrieben aber in Buntschrift. Mit diesem Buntstift der vier Farben auf einmal malt, alles zulässt aber wenn man ihn falsch neigt, auch mal kurz eine Farbe verliert. Halb so wild aber trotzdem nicht ganz klar definierbar. Irgendwas zwischen Leistung und Langeweile jedenfalls.

Langeweile die ich in der südlichen Idylle kurz verspürte, entdeckte und den Gedanken an Eintönigkeit sogleich mit einem Gefühl der Entspannung benetzte. Eine solche Sinnenfreude dich mich im Raum voller Rauschabstinenz überkam. Und plötzlich saß ich im Zug zurück und stehe im Dienstag mit ausdruckslosen Gesichtern von Montag. Zum ersten Mal sogar habe ich in neuer Normalität einen Tag am alten Schreibtisch verbracht. Die Gesichter waren gleich. Nur ein paar mehr kamen dazu. Ich hatte eine Pause eingelegt. Dadurch nun aber gemerkt wie müde ich war.

Frische Luft. Nochmal raus, bevor es wieder richtig rein geht. Mit weiteren sechs Stunden ergebnisloser Arbeit den Tag verbummeln. Nur schnell ans private Telefon gehen um zu sagen, dass ich nicht ran gegangen kann.

Jetzt bemerkte ich, wie absurd es sich anfühlte das Handy auf "lautlos" zu stellen um trotzdem den Vibrationsalarm zu spüren falls mich eine kurze Nachricht aufheitern, mich eine Erinnerung an etwas das ich schon längst erledigt haben wollte ärgern will oder eine Push Nachricht nur über die tägliche Krise informieren muss. 

Ich tippe mich zu den Einstellungen und wähle: "Bei lautlos, vibrieren. Aus."

"Die tägliche Krise bekomme ich trotzdem nicht ausgestellt." Dachte ich mir. Ein neuer Tag. Ein Wochenende in schneller Entspannung. Instrumentalisiert zur Beschleunigung der kommenden Woche. Montag. Alle Vorräte waren aufgebraucht. Ein neuer Dienstag. Ein neuer Spaziergang zum Supermarkt um mir Früchte für das aber gleiche Frühstück zu besorgen. Ich wählte einen anderen Weg als den Üblichen beim morgendlichen Gang durch die Straßen und lief an einem Werbeplakat vorbei. "Handbuch für Bergsteiger - Wählen Sie einen Berg aus, den Sie erklimmen wollen." Stand dort in blau-gelben Kontrastzeichen und streifte meinen Blick als ich im strammen Gang daran vorbei hastete. Es hallte nach. Homeoffice. Kontrastiert in diesem Rollenmodell war lediglich der Versuch mir nach Feierabend Neues anzueignen. Sich im Ertrag zu entschleunigen, mich auf schnellem Weg mit Wissen, Nachrichten, Weisheiten zu bereichern bis ich gleich noch den sozialen Verpflichtungen nachgehe. Zwei gute Freundinnen, ein Abendessen, heute kein Wein für mich. "Ich muss jetzt los." Sage ich, ziehe meine Beine unter dem Tisch hervor und greife zum Portmonee. Da bleibt auch keine Frage offen, denn es ist ok los zu müssen. Jeder muss heutzutage los.


Die die gehen sind dann immer neidisch auf die die bleiben. Heute ist es umgekehrt. Ich ging und bleibe eine Weile. Fülle meine Lungenflügel im Sonnenaufgang randvoll mit feucht-frischer Bergluft, höre den Kuhglocken beim Schaukeln zu, schaue auf einen nicht weit entfernten See im Tal und beobachte Kälber in malerischer Idylle hungrig mit ihren großen Nasen stupsend Milch bei ihren Müttern suchen. Sechs ausdrucksstarke Kuhflecken zähle ich schon. Schrieb ich in mein Notizbuch bis mich ein entfernter Ton aus den Gedanken riss. Ein Rufen, das mich aber nur daran erinnerte, draußen den Tisch für ein gemeinsames Frühstück zu decken. 

Auf meinem schnellen Schritt zurück zur Hütte, balancierend auf den abwechselnd großen Steinen, zu Kiesel, zu Gras, zu Erde, zu Schotter, zu Holzterrasse, dachte ich noch einmal an das Handbuch das mich, ja mich, damals am Tag darauf mit einem zweiten Werbeplakat ermahnte: "Die Landschaft ändert sich, nutzen Sie das aus".

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